Neurodivergenz - und warum
Psychotherapie nicht "normalisieren" soll
Anders ist nicht falsch!
Neurodivergenz ist kein Fehler.
Sie ist Teil menschlicher Vielfalt.
„Heute hat doch jeder ADHS und ein bisschen Autismus!“, „Früher gab es das alles nicht.“, „Das wächst sich schon raus.“, „Verbring weniger Zeit auf Social Media, dann klappt das mit der Konzentration wieder.“, „Du bist doch total empathisch, also kannst du nicht autistisch sein.“, „Andere haben es auch schwer.“, „Du bist halt ein bisschen verpeilt.“, „Du kannst ja, wenn du willst.“, „Du benutzt ADHS als Ausrede.“, „Du bist Autist? Wo ist deine Inselbegabung? Bist du ein Genie?“, „Du siehst nicht aus wie ein Autist / an Autismus glaube ich bei dir nicht.“, „Du kannst doch Blickkontakt – also stimmt das nicht.“, „Verzichte auf Zucker, dann bist du konzentrierter.“
Solche Sätze begegnen uns häufig. Bzw. ist das eine Untertreibung! Die Liste dieser Sätze ist in Wahrheit unendlich lang. Sie zeigen, dass sich viele Menschen in einzelnen Aspekten wiedererkennen – und gleichzeitig greifen sie viel zu kurz.
Denn Neurodivergenz bedeutet mehr als gelegentliche Unruhe oder Konzentrationsprobleme. Sie beschreibt eine andere Art, die Welt wahrzunehmen, zu verarbeiten und zu erleben! Zum Beispiel bei ADHS oder Autismus.
Anders ist nicht falsch
Neurodivergenz ist kein Fehler.
Sie ist Teil menschlicher Vielfalt.
Nicht alle Gehirne funktionieren gleich und das wäre auch seltsam! Aus evolutionärer Sicht ergibt Vielfalt sogar Sinn. Unterschiedliche Wahrnehmungen und Denkweisen erweitern die Möglichkeiten einer Gesellschaft.
Die Frage ist also nicht: Was ist normal? sondern eher: Was passt zu mir?
Haben wir nicht alle ein bisschen davon?
Viele Menschen erkennen sich in einzelnen Eigenschaften wieder. Der Unterschied liegt jedoch in der Intensität und den Auswirkungen im Alltag.
Bei Neurodivergenz geht es oft um ein dauerhaft anderes Erleben – und vor allem um den Preis, der dafür gezahlt wird:
- ständige Anpassung
- hohe innere Anstrengung
- das Gefühl, „irgendwie anders“ zu sein
Wenn Anpassung krank macht
Viele Betroffene berichten, dass sie lange versucht haben, sich anzupassen:
- unauffällig sein
- funktionieren
- Erwartungen erfüllen
Diese dauerhafte Anpassungsleistung kostet enorm viel Energie und sie kann krank machen.
Psychische und körperliche Erkrankungen werden dann behandelt und oft wird es auch besser!
Doch nicht selten kommen die Beschwerden zurück …. Nicht ohne Grund!
Der eigentliche Zusammenhang
Wenn die Ursache eine dauerhafte Überforderung ist, zum Beispiel durch ein Umfeld, das nicht zum eigenen Erleben passt, dann bleibt diese bestehen, auch wenn die Symptome behandelt wurden.
Das bedeutet: Die psychische Erkrankung ist nicht „einfach da“, sondern oft eine Folge.
Solange sich an den Bedingungen nichts ändert, gerät das System immer wieder unter Druck.
Psychotherapie: nicht anpassen, sondern verstehen
Ein zentraler Punkt: Psychotherapie hat nicht das Ziel, ein neurodivergentes Gehirn neurotypisch zu machen.
Es geht nicht darum, „normaler“ zu werden, sondern darum, zu verstehen:
- Wie funktioniere ich?
- Was überfordert mich?
- Was brauche ich wirklich?
Und daraus etwas Entscheidendes abzuleiten: passende Lebensbedingungen.
Der entscheidende Unterschied: Anpassung vs. Passung
Wenn wir dauerhaft versuchen, etwas zu sein, das wir nicht sind, entsteht Stress und dieser kann sich auf mehreren Ebenen auswirken:
- das Nervensystem bleibt in Alarmbereitschaft
- Schlaf und Erholung leiden
- der Körper kommt nicht mehr richtig zur Ruhe
Langfristig kann das sowohl psychisch als auch körperlich krank machen.
Oder anders gesagt: Ein Organismus, der nicht „artgerecht“ leben kann, gerät unter Stress.
Und das gilt für alle Menschen – egal ob neurodivergent oder neurotypisch.
Der Unterschied ist oft nur, wie viel Anpassung notwendig ist!
Therapie: Was wirklich hilft
Deshalb ist es auch nicht entscheidend, für welches Verfahren man sich entscheidet oder ob der / die Therapeut:in ein*e Expert:in für Neurodivergenz ist oder nicht.
Es werden die Folgen behandelt, die durch nicht passende Lebensbedingungen entstehen.
Ich rate allen Patient:innen immer, wenn sinnvoll und möglich unterschiedliche Therapieformen auszuprobieren und bei der Person zu bleiben, bei der sie sich am wohlsten fühlen.
Ganz wichtig: Ich darf erwarten, dass ein*e Therapeut:in mich ernst nimmt und emphatisch ist.
Wenn ich oder mein Kind das Gefühl haben, dass das nicht der Fall ist, darf und sollte man sich trauen zu gehen!
Denn dann ist die Therapie nicht wirksam und kann im schlimmsten Fall mehr schaden als helfen.
Warum Diagnostik im Vorfeld sinnvoll sein kann
(Insbesondere, wenn der / die Therapeut:in dies nicht selbst anbietet)
Warum Diagnostik entlasten kann:
Eine Diagnostik kann helfen, Zusammenhänge zu erkennen:
- Warum fällt mir manches schwerer als anderen?
- Warum kostet mich vieles so viel Kraft?
Sie dient nicht dazu, jemanden in eine Schublade zu stecken, sondern um:
- Klarheit zu schaffen
- sich selbst besser zu verstehen
- passende Unterstützung zu finden
Für viele Menschen ist das ein Wendepunkt.
Was sich dadurch verändert
Wenn Neurodivergenz als Teil der eigenen Funktionsweise verstanden wird, verschiebt sich die Perspektive:
Nicht mehr: Ich muss anders werden.
Sondern: Ich darf mein Leben so gestalten, dass es zu mir passt.
Und genau hier liegt die Chance: Wenn die Bedingungen stimmen, stabilisiert sich oft auch die psychische Gesundheit.
Fazit
Neurodivergenz ist keine Störung, die „wegtherapiert“ werden muss. Sie ist eine Art zu sein.
Nicht immer ist eine Psychotherapie notwendig. Vielleicht sind andere Hilfsangebote sinnvoller oder sollten zusätzlich in Betracht gezogen werden. Psychotherapie kann dabei helfen, den entscheidenden Schritt zu gehen:
Weg von der Frage: „Wie passe ich mich an?“ hin zu: „Was brauche ich, um gesund zu bleiben?“
Denn echte Veränderung entsteht nicht dadurch, dass wir uns verbiegen – sondern dadurch, dass wir Bedingungen schaffen, in denen wir nicht krank werden müssen, um zu funktionieren. Wenn wir, egal ob mit einem neurotypischen oder neurodivergenten Gehirn, aufhören, gegen unsere eigene Natur zu arbeiten, entsteht oft etwas sehr Grundlegendes:
Stabilität.
Entlastung.
Und echte Lebensqualität.
Was bedeutet das für Eltern?
Sie sind tolle Eltern. Warum? Weil Sie sich informieren, verstehen wollen und sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Es gibt kein einzelnes „ADHS-“ oder „Autismus-Gen“ – beide werden durch viele Gene beeinflusst. Beide sind stark vererbbar, treten oft familiär gehäuft auf. Umweltfaktoren spielen eine ergänzende, aber kleinere Rolle.
Wenn Ihr Kind als eine Diagnose erhält, ist die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass auch Sie selbst ähnliche Wahrnehmungen oder Eigenschaften haben. Das bedeutet nicht, dass Sie etwas falsch gemacht haben, Ihr Kind „verzogen“ haben oder Schuld tragen!
Auch wenn es sich manchmal anders anfühlt: Diese Erkenntnis soll entlasten und nicht belasten. Es kann hilfreich sein, sich selbst besser zu verstehen. Denn Verständnis beginnt in der Familie und stärkt Kinder für das, was ihnen außerhalb begegnet!
Eine eigene diagnostische Abklärung kann helfen:
- das Verhalten des Kindes besser zu verstehen
- eigene Stärken und Herausforderungen einzuordnen
- gezieltere Unterstützung für die ganze Familie zu ermöglichen
Bei Interesse nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf und senden Sie uns Ihre Anfrage.
Kontakt
Privatpraxis für Psychotherapie Eder-Petersen
Edina Eder-Petersen, M.Sc.
Psychologische Psychotherapeutin
Telefon: +49 (0) 1573 447 36 92
Adresse: Rosenstr. 7, 80331 München
